Klischee oder Epiphanie – wie die Podiumsdiskussion der Europa-Kandidaten am 14. März 2019 in der TriBühne wirklich war

„Politiker reden immer um den heißen Brei herum. Politiker interessieren sich nicht für die Jugendlichen. Politiker benutzen alles als Werbekampagne und das ist doch sowieso alles nur gestellt, die ziehen doch ihr eigenes Ding durch!“

Diese Klischees gegenüber den Vertretern unseres Volkes sind uns allen bekannt und bereits jedem ein oder mehrere Male durch den Kopf geschossen. Sei es im Fernsehen, in den Nachrichten oder im Radio, sie bilden eine offen daliegende Angriffsfläche für die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die sie vertreten. Welcher Verantwortung diese Unzufriedenheit unterliegt, ist dabei ein ganz anderes Thema.

Am 14.03.2019, dem internationalen Pi-Tag, bekam der Q1-Jahrgang des Lessing-Gymnasiums Norderstedt die Möglichkeit, nicht etwa besagte Politiker im Fernsehen oder Radio zu erleben, sondern hautnah in der TriBühne in Norderstedt. Zusammen mit insgesamt rund 600 Schülern durften wir diesem einzigartigen Ereignis beiwohnen. Doch uns wurden nicht irgendwelche Kandidaten präsentiert. In Anbetracht der anstehenden Europawahlen am 26.05.2019stellten sich die Vertreter mehrerer Parteien des Europaparlaments während einer Podiumsdiskussion vor.

Im Europaparlament selbst sitzen 751 Abgeordnete, und zwar jeweils in ihren Parteien aus den unterschiedlichsten EU-Ländern. Diese Parteien wiederum sind, je nach ähnlicher politischer Ausrichtung, in acht verschiedene Fraktionen eingeordnet. Die Anzahl der Abgeordneten variiert je nach EU-Mitgliedsstaat, wobei Deutschland 96 Kandidaten zustehen.

Bei dem Zusammentreffen in der Tribüne waren die CDU, die SPD, die FDP, die Grünen, die Linke, die Freien Wähler und die AfD vertreten. Grund für die offen zugängliche Diskussion war die zunehmende Politikverdrossenheit der Jugendlichen. Es sollte ein Versuch sein, den Schülern die Politik, nicht nur die des Landes, sondern Europas näherzubringen. Im Hinblick darauf wurde uns die Möglichkeit gegeben, im Voraus Fragen einzureichen, die dann im Zuge der Podiumsdiskussion beantwortet werden sollten. Zu Beginn der Veranstaltung wurden wir mit einigen einleitenden Worten von Patrick Pender, dem Vorstandsmitglied der Europa-Union Norderstedt, und Elke Christina Roeder, der Oberbürgermeisterin von Norderstedt, begrüßt. Anschließend traten die Kandidaten auf die Bühne und die Diskussion, geleitet von einem Moderator, konnte beginnen.

Der erste Themenblock handelte von „Ausbildung und Studium europaweit“ und wurde von der Frage eingeleitet, warum es denn kein zentrales Bildungssystem in Deutschland gäbe. Diese wurde auch sogleich eifrig von dem CDU-Abgeordneten beantwortet. Es existiere ja bereits der Bachelor und der Masterabschluss weltweit, womit die Wertung der Abschlüsse über Deutschlands Grenzen hinaus angeglichen seien. Der Zusammenhang mit dem ungleichen Bildungssystem in den verschiedenen Bundesländern wurde daraus eher weniger klar. Dieses Problem sprachen zwar viele aus der Runde noch an, Lösungsvorschläge gab es allerdings keine. Welcher Vorschlag allerdings plausibler erschien, war der, dass man versuche, nicht nur Menschen in andere Länder zu leiten, sondern auch nach Deutschland.

Der zweite Themenblock bezog sich auf „Digitalisierung und Datensicherheit“. Ein großes Thema: Artikel 13 und die Datenschutzgrundverordnung. Artikel 13 verursachte eine weitgehende Diskussion, bei der viele möglichen Probleme und Nachteile angesprochen wurden. Als jedoch dann der Moderator fragte, ob die Kandidaten bei einer endgültigen Entscheidung Artikel 13 ablehnen würden und alle dieses mit Ja beantworteten, gab es bereits einige verwirrte Personen im Raum. Eines waren wir uns sicher, diese Antwort hatte gewiss (nichts) damit zu tun, dass vor den Kandidaten ca. 600 jugendliche Schüler saßen.

Auf den dritten Themenblock, „Ressourcenschonung und Klimawandel“, hatte ich mich persönlich am meisten gefreut, denn dieses Thema ist in Anbetracht der Freitags-Streiks und unserer allgemeinen Lage eines der wichtigsten, da es ja letztendlich um unser Morgen geht. Kontrovers wurde es erst, als die Abgeordnete der Linken das Wort ergriff. Sie berichtete, sie würde eine Art „Plastik-Fasten“ zu Ostern durchführen, eine sehr gute Idee wie es scheint. Im nächsten Satz begann sie jedoch mit der Argumentation, dass dies alles unmöglich und schlecht sei, da sie dann nur von Kartoffeln leben könne, die als einzige nicht in Plastik gewickelt seien. Da fragt man sich doch, ob sie jemals in einem der zahlreichen Supermärkte war, die Plastiktüten für frisches Obst und Gemüse bereits seit langem durch Papiertüten ersetzt haben. Gerade diese Argumentation ist problematisch, besonders vor 600, nur teilweise umweltbewussten Schülern, da sie ohne wirklich informiert zu sein direkt prophezeite, dass ihr Vorhaben nicht gelingen wird, was entmutigend und negativ wirkte. Im Gegensatz dazu äußerte sich der Abgeordnete der Grünen. Er stellte richtigerweise klar, es bringe nichts, wenn nur einer kein Auto mehr fahren würde, die Wurzel des Problems liege in der Industrie. Aber natürlich muss auch jeder selbst seinen Teil dazu beitragen, denn das Problem wird nicht gelöst, wenn alle denken, es bringe nichts, wenn nur man selbst etwas gegen die Umweltverschmutzung tut, denn die einzelne Aktion würde keine weitreichende Verbesserung nach sich ziehen.

Der vierte und letzte Themenblock befasste sich mit „Migration und Sicherheit“,dessen erste Frage über Migration natürlich überaus provokativ an den Abgeordneten der AfD gestellt wurde. Dessen Aussagen wiederum blieben sehr allgemein und hatten auffallende Ähnlichkeit mit dem Vorstellungstext des Kandidaten auf dem offiziellen Podiumsdiskussion-Flyer. Es wurde nun darüber diskutiert, ob man den Flüchtlingen so helfen müsse, dass sie nicht zu der gefährlichen Reise über das Meer gezwungen sein würden. Wie, das blieb offen. Jedoch waren sich die meisten einig, jeder Mensch hätte das Recht, Asyl zu suchen und nicht abgewiesen zu werden oder gar mit Waffengewalt bedroht zu werden.

Damit endete die Podiumsdiskussion, die eher eine Art Meinungsbefragung war, denn zu jeder Frage wurden die Kandidaten individuell befragt und durften dann ihre Meinung dazu sagen. Was außerdem auffällig war, die Redezeiten und -arten waren sehr unterschiedlich, ganz entgegen der anfänglichen Äußerung des Moderators, alle würden die gleiche Zeit bekommen. Die CDU-, SPD- und FDP-Abgeordneten redeten zum Teil sehr viel und lange um einige Themen herum und bekamen viel Zeit, um ihre Meinung weitestgehend darzulegen. Die Grüne und Linke konnten sich recht gut abgrenzen, bekamen allerdings weniger Chancen sich auch zu beteiligen, ähnlich wie die Freien Wähler. Zum Schluss der AfD Abgeordnete, dessen Redemöglichkeiten und Meldungen an einer Hand abgezählt werden konnten. Abschließend gab es dann noch die Möglichkeit, direkt Fragen an die Kandidaten auf der Bühne zu stellen. Hier wurden sehr viele interessante Fragen gestellt, die jedoch mäßig bis unbefriedigend beantwortet wurden.  Beispielsweise gab es die Frage, was dagegen getan werde, dass die Schüler, wenn sie auf die Fridays-For-Future-Demonstrationen gehen, unentschuldigte Fehlstunden eingetragen bekommen. Dies ist sehr problematisch, da so viele Schüler abgeschreckt werden und nicht mehr dorthin gehen möchten, obwohl es um ihre eigene Zukunft geht. Und an diesen vertrockneten Regeln und den engstirnigen Menschen, die diese festlegen, wird es dann wieder scheitern. Die Generationen vor uns haben es verursacht und nun hindern sie uns daran, dafür zu kämpfen, dass es wieder in Ordnung gebracht wird. Der CDU-Abgeordnete allerdings hatte nichts anderes dazu zu sagen, als dass es ja in Ordnung wäre, zu den Demonstrationen zu gehen, wenn die Eltern, die Lehrer und man selbst es gut finden würde. Unentschuldigte Fehlstunden gibt es trotzdem noch.

Den Äußerungen meiner Mitschüler nach zu urteilen waren die meisten eher weniger begeistert von der Performance der Kandidaten. Viele kritisierten das Verhalten der Kandidaten und die teils unverständliche Ausdrucksweise. Neben unsachlichen Äußerungen und kindischem Benehmen kristallisierte sich stark eine sehr undifferenzierte Art zu antworten und zu argumentieren heraus. Natürlich muss man auch immer den Unterhaltungsfaktor mitbetrachten sowie die Möglichkeit, diese Podiumsdiskussion als Wahlkampf wahrzunehmen, die die Kandidaten auch ausgiebig genutzt haben. Die Abgeordneten haben nur leider sehr pauschalisiert wenig Änderungsvorschläge, sondern eher Visionen dargelegt. Oft hatten sie die gleiche oder ähnliche Meinung, haben es nur anders ausgedrückt, was verwirrend wirkte. Falls sie einmal nicht mehr wussten, was sie dazu sagen könnten, haben sie entweder gesagt, es sei ein nationales oder globales Problem und sie könnten dort nichts ausrichten. Oder sie haben von etwas ganz anderem geredet und waren wohl der Annahme, wir Schüler würden dies nicht wahrnehmen. Zudem muss gesagt werden, dass wir uns als Schüler nicht wirklich repräsentiert von dem Großteil der Kandidaten fühlen. Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass sie wirklich wissen, welche Probleme es mit dem Bildungssystem oder den Freitagsdemonstrationen gibt. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass es eine sehr interessante Möglichkeit war, zu sehen, wie sich Politiker wirklich verhalten und inwiefern welche Sachverhalte Einflüsse auf ganz Europa haben. Die EU ist viel zu weit weg für viele Menschen, obwohl  sie uns doch jeden Tag beeinflusst. Ungeachtet der Tatsache, dass das Event für mich persönlich eher eine Enttäuschung darstellte, war es sehr spannend zu erfahren, wie die Kandidaten, die dann letztendlich potenziell im Europaparlament sitzen werden, arbeiten und versuchen, die Wünsche der Bevölkerung zu präsentieren.

(Lilli Wittenberg)